
Interview mit Jette (Freiwilliges Soziales Jahr)
Von Oktober letzten Jahres bis Ende April 2026 hatte das Hospiz am Deich seine erste FSJ-lerin, Jette Dethgens. Die sieben Monate bei uns hat Jette genutzt, um in fast alle Arbeitsbereiche des Hauses hineinzuschnuppern. Anlässlich ihres Abschieds Ende April haben wir sie zu ihren Erfahrungen und Beobachtungen im Hospiz am Deich befragt.
Jette, was hast du vorher gemacht?
Ich habe im letzten Jahr Abi gemacht, anschließend habe ich im Sommer in einem Café gearbeitet. Im Oktober habe ich dann mein FSJ hier im Haus angefangen. Ich habe mich über die neue Aufgabe und die damit verbundene Routine gefreut.
Wieso machst du ein FSJ? Wieso ausgerechnet im Hospiz?
Ich habe mich für ein FSJ entschieden, weil ich zwischen Schule und Studium gerne etwas Praktisches machen wollte. Ich wollte neue Erfahrungen sammeln, mehr über mich lernen und mich einer neuen Herausforderung stellen. Ich habe in der Schulzeit ein Praktikum im Kindergarten gemacht und mit Kindern gearbeitet. Daher wollte ich dann eine andere Arbeit im sozialen Bereich kennenlernen. Dass ich mein FSJ jetzt hier in Hospiz mache, war aber eher ein Zufall. Ich wurde auf die Stellenanzeige aufmerksam gemacht und habe mich einfach mal beworben.
Hattest du vorher schon Erfahrungen mit Sterben und Tod gemacht? Warst du schon mal in einem Hospiz gewesen?
Nein, eigentlich gar nicht. Vor meinem FSJ hatte ich noch keinen Kontakt mit dem Thema Sterben und Hospizarbeit. Ich finde allerdings, dass der Tod zum Leben dazugehört und das Thema mehr Raum verdient. Früher oder später wird man mit dem Thema ja immer in Kontakt kommen. Deshalb habe ich mich dann ganz bewusst dazu entschieden, hier im Hospiz anzufangen und mehr darüber zu erfahren.
Entspricht das, was du dann hier angetroffen hast, so ungefähr dem, was du dir vorgestellt hattest? Oder bist du sehr oft überrascht worden?
Ich bin sehr offen an das FSJ herangegangen. Ich hatte keine genauen Vorstellungen. Als ich hier zum Vorstellungsgespräch gekommen bin, habe ich das Haus und die Leute kennengelernt und hatte direkt ein mega-gutes Bauchgefühl. Es war auch schön, dass das Hospiz keine genauen Vorgaben für meine Aufgaben hatte und ich Stück für Stück die verschiedenen Bereiche, das Haus und die Gäste kennenlernen durfte.
So konntest du auch mitgestalten, was deine Einsatzbereiche sind?
Ja, ich konnte ganz frei entscheiden, wo ich mich wohl fühle und worauf ich Lust habe – und auch, was ich nicht so gerne machen würde.
Was sind denn deine Aufgaben?
Ich habe in der Hauswirtschaft angefangen, da habe ich zum Beispiel Frühstück für die Hospizgäste gemacht oder mich um die Wäsche gekümmert, die in die Zimmer kommt, und natürlich den Küchen- und Hauswirtschaftsbereich ordentlich gehalten. So wurde ich ein bisschen an die Abläufe im Hospiz herangeführt und habe ganz viel mitbekommen. Ich war auch mit in den Übergaben der Pflegekolleg*innen, wo ich noch mehr über die Gäste erfahren konnte. Das war schon eine ganz gute Mischung. Nach etwa einem Monat habe ich dann im Bereich der Pflege angefangen und bin da erstmal „mitgelaufen“. Da hatte ich schon engeren Kontakt mit den Gästen und ihren Angehörigen. Inzwischen ist mein Job so ein „Mischmodell“ aus Hauswirtschaft, Pflege und auch dem Bereich der Psychosozialen Begleitung, wo ich vor allem in die Vorbereitung des halbjährigen Abschiedsrituals für verstorbene Gäste, das Ende April stattfindet, eingebunden wurde. Das ist eine richtig gute Mischung und meine Beteiligung an der Pflege ist dabei Stück für Stück mehr geworden. Am Anfang war ich noch ein bisschen schüchtern mit den Gästen und wusste manchmal nicht, wie ich am besten an sie herantreten kann – das ist mir dann aber schnell viel leichter gefallen. Die Menschen waren so freundlich und herzlich.
Die Gäste freuen sich sicherlich auch sehr darüber, dass eine hübsche junge Frau in ihr Zimmer kommt und Zeit mitbringt.
Ja, ich hatte manchmal sogar das Gefühl, dass es so eine Art „Enkel-Effekt“ gab. Es war wirklich total nett, einfach zu klönen, und inzwischen habe ich auch viel mehr Sicherheit und das Gefühl, dass mir die Kontaktaufnahme leichtfällt. Wie man mit den unterschiedlichsten Menschen und Situationen umgeht, habe ich hier fürs Leben gelernt. Zu wissen, dass ich immer, wenn es mir in einer Situation zu viel wird, vor allem in der Pflege, die Möglichkeit habe, mich aus der Situation herauszunehmen, hat mir außerdem viel Sicherheit gegeben. Ich muss es nicht erklären, ich muss nichts sagen. Das habe ich vielleicht zwei-, dreimal gemacht und ich wurde immer darin bestätigt, meine Grenzen zu setzen. Es ist wichtig zu wissen, dass man das darf.
Du musst nichts erklären, aber du kannst sicherlich, wenn du möchtest, auch über solche Momente der Überforderung sprechen, oder?
Ja, genau. Ich bin schon mal aus dem Zimmer gegangen, habe tief Luft geholt und dann mit einer Pflegekollegin darüber gesprochen, was da gerade zu viel für mich war. Meistens ging es mir dann schnell besser, weil auch die Profis oft ähnlich denken und fühlen wie ich – sie haben aber mehr Erfahrung und können die Dinge besser einordnen.
Wie können wir uns deinen typischen Arbeitstag im Hospiz vorstellen?
Es gibt eigentlich keinen typischen Arbeitstag. Ich werde im Dienstplan für unterschiedliche Sachen eingeteilt. Meistens in der Hauswirtschaft, aber auch in den anderen Bereichen.
Und die Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen der unterschiedlichen Arbeitsbereiche?
Am Anfang musste ich erstmal reinkommen, die Dynamiken erfassen, aber das ging schnell und ich fühle mich jetzt sehr wohl. Ich wurde richtig gut angelernt, quasi an die Hand genommen, da habe ich mich schnell sicher gefühlt.
Gab es besondere Begegnungen mit Hospizgästen?
Ich glaube, ich werde viele Menschen in Erinnerung behalten, die besonders nett waren oder mit denen ich mich besonders gerne unterhalten habe. Eine sehr besondere Situation gab es schon ziemlich zu Anfang meiner FSJ-Zeit: Da war ein Mann, der ein bisschen länger hier war, und der war total zufrieden und glücklich damit, wie sein Leben gelaufen ist. Er hat sehr gerne erzählt, zum Beispiel von seinen Interessen und Hobbys oder was er gearbeitet hat. Er war einfach grundsätzlich zufrieden und empfand es als i-Tüpfelchen, jetzt hier im Hospiz sein zu dürfen. Als er dann verstorben war, hat mich eine Kollegin aus der Pflege gefragt, ob ich mit ihr ins Zimmer kommen und mich verabschieden möchte. Das war das erste Mal, dass ich einen toten Menschen gesehen habe. Ich hatte durchaus Respekt vor dieser Situation. Er hatte aber ein Lächeln auf den Lippen und strahlte dieselbe Zufriedenheit aus, die ihn vorher schon ausgezeichnet hatte. Das war richtig schön und gar nicht unheimlich. Ich habe ihm dann Tschüss gesagt und das war für mich eine rundum positive Erfahrung.
Es gab aber auch viele lustige Momente, wo ich vielleicht irgendetwas falsch gemacht habe und die Gäste darüber lachen mussten oder wir zusammen gewitzelt haben.
Einmal hat aber auch ein Gast zu mir gesagt, dass er gerne sterben möchte. Das war das erste Mal, dass jemand so etwas zu mir gesagt hat. Da musste ich erst einmal durchatmen und bin ich aus dem Zimmer gegangen. Das war irgendwie ein krasser Moment und ich wusste nicht, was ich sagen soll oder kann. Aber darüber konnte ich auch mit den Kolleginnen sprechen und dann ging es mir besser mit der Situation.
Man denkt immer, im Hospiz würde ständig über Sterben und Tod gesprochen – das ist aber nicht so. Wenn es dann aber kommt, kann es schnell eine ziemliche Intensität annehmen.
Ja, genau. Viele Menschen, die hier zu Gast sind, haben trotz aller Umstände so viel Lebensfreude. Trotz Schmerzen und Ängsten. Das finde ich total beeindruckend.
Hat sich deine Sichtweise auf Leben und Sterben durch dein FSJ verändert.
Ich habe viel darüber gelernt, was Lebensqualität sein kann. Dass es nicht immer die großen Dinge sein müssen, sondern vielleicht Sachen, die für einen gesunden Menschen völlig selbstverständlich sind, wie zum Beispiel selbständig Zähne putzen zu können. Dinge, die plötzlich sehr wichtig sein können, worüber man vorher aber vielleicht nie nachgedacht hätte. Ich habe auch gelernt, dass Sterben ein normaler Prozess ist, der einfach so ist, wie er ist. Solche Erfahrungen sind wirklich sehr wertvoll und ich nehme da viel mit. Manches war mir vorher vielleicht irgendwie schon klar, aber jetzt ist es mir richtig bewusst geworden.
Hat sich deine Sichtweise auf das Leben (und das Sterben) durch das FSJ verändert? Oder deine Planung für die Zukunft?
Ich möchte ab Oktober gerne Psychologie studieren, das hat sich nicht geändert. Neu ist, und das hat mit meinen Erfahrungen hier zu tun, dass ich mich vielleicht auch für Medizin bewerbe. Ich denke, dass man mit Medizin noch mehr, beziehungsweise anders helfen kann. Die Ärzte und Pflegekräfte haben mir gezeigt, wie viel man für einen Menschen mit Medikamenten verändern kann. Nach meinem FSJ werde ich mich damit aber noch intensiver beschäftigen. Vorher möchte ich gerne noch ein bisschen reisen. Viele der Kolleg*innen hier haben mich dazu ermutigt. Man sollte es einfach tun, wenn man die Chance dazu hat.
Hast du bestimmte Reiseziele im Auge?
Ich möchte gerne nach Asien, vielleicht Thailand und Vietnam.
Bis Oktober ist ja noch ein bisschen Zeit.
Genau.
Was würdest du nachfolgenden FSJler*innen mit auf den Weg geben wollen? Hast du Tipps?
Ich würde sagen, dass sie möglichst offen an die Sache herangehen sollen. Das Wichtigste ist, dass man keine Angst vor dem Hospiz haben muss; es ist nicht gruselig. Oft ist es nett und sogar lustig. Man kann seine persönlichen Grenzen setzen, wenn etwas mal zu viel wird. Und noch ein wichtiger Tipp: Unbedingt das total leckere Essen von Nils probieren!
Vielen Dank, Jette, für das Interview – und alles Gute für die Zukunft!
Übrigens suchen wir wieder eine*n FSJ-ler*in. Für mehr Infos bitte auf den Flyer klicken!
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